Früher Posthalter, jetzt Reiseleiter

Der gebürtige Schötzer Urs Marfurt begleitet Einzelpersonen oder kleine Gruppen durch Zentral- oder Südamerika. In seinem ersten Blogbeitrag stellt er sich kurz vor.

Vorname: Urs
Name: Marfurt
Aufgewachsen in: Schötz
Erlernter Beruf: Betriebsassistent PTT, später Posthalter
Alter: 57
Hobbies: Reisen, Lesen, Wandern, Natur
Zivilstand: ledig

Daheim in der Schweiz
In Schötz aufgewachsen, machte ich mich bereits mit 15 Jahren auf den Weg. Zuerst habe ich im „fernen“ Porrentruy (JU) ein Welschlandjahr gemacht, danach meine Lehre als Betriebsassistent bei der PTT in Stans und Hergiswil (NW) absolviert. Noch während der Diplomfeier am Vierwaldstättersee musste ich mich entscheiden, ob ich in wenigen Tagen entweder in Zürich oder Basel arbeiten wolle. Dass ich mich schliesslich für die Stadt am Rheinknie entschieden habe, entpuppte sich als Glücksfall. 13 Jahre lang arbeitete und lebte ich in der Nordwestschweiz und dabei konnte ich viele Freundschaften schliessen, die bis in die heutigen Tage halten.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam dann für mich die Ernennung zum Posthalter in Ballwil. Bei meinem Amtsantritt kannte ich keine einzige Person, was auch gut war, denn so konnte ich ohne Vorurteile meine Arbeit beginnen. Die nächsten sieben Jahre im Seetal gehören sicher zu den besten meiner Berufskarriere. Die steten Veränderungen bei der Post erleichterten mir dann den Entscheid, aus Anlass des 20-jährigen Arbeitsjubiläums einen neuen Schnitt im Leben zu wagen.

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Am Atitlansee.

Neues Daheim in Zentralamerika
Schon mit einem meiner ersten Ersparnisse machte ich mich auf, um die Welt kennen zu lernen. Waren es zuerst noch Aufenthalte in Europa, wurden diese schliesslich immer länger und führten mich durch Mexiko und die Nachbarstaaten. Schicksalbestimmend war sicher die erste Reise ins frühere Aztekenreich, denn kurz nach meiner Rückkehr aus Mexiko 1985 bebte die Erde dort und hinterliess grosse Zerstörung und viele Tote. Für mich war sofort klar, dass ich wieder zurückgehen musste, schon aus Solidarität zu den vielen freundlichen Menschen, die ich kennen gelernt hatte. Und so geschah es, dass ich mich total in die Region zwischen Karibik und Pazifik, sowie zwischen den USA und dem Panamakanal verliebt habe.

Bei einem meiner Reisen durch Zentralamerika machte ich auch Halt in Honduras. Dabei lernte ich Edi Fellmann aus Dagmersellen kennen, der damals in La Venta ein Kinderheim führte. Aus dieser Begegnung entstand eine Freundschaft, die bis zum heutigen Tag besteht. Denn seit 1998, wo ich mich aufgemacht habe um für mich neue Aufgaben zu finden, arbeite ich in der Institution Asociacion Nuevo Amanecer ANA (www.ana.hn) als freiwilliger Mitarbeiter im Spenden- und Patenwesen mit. Die ersten beiden Jahre lebte ich in La Venta, wo ich mit dem ganzen Team viele Höhen und Tiefen durchlebt habe. Mit der Zeit entschloss ich mich, meine „Zelte“ in Guatemala, genauer gesagt in San Pedro La Laguna, aufzuschlagen. Dank Internetanschluss ist es mir möglich, die mir aufgetragenen Arbeiten bequem von zu Hause aus zu erledigen. Ab und zu reise ich jedoch noch nach Honduras, vor allem dann, wenn ich Leute begleite, die mich kontaktiert haben, damit ich eine Tour für sie organisiere.

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Blick von der Indian Noise auf den Atitlansee, Guatemala

Organisieren von Reisen
Seit 2001 lebe ich also in meinem eigenen Heim und schon viele unzählige Personen haben mich besucht. Ebenfalls ist die „Casa Amistad“ zur Herberge geworden für Sprachschüler aus Europa und Nordamerika, die in San Pedro die spanische Sprache gelernt und nachher während dreizehn Monaten als Volontäre im Kinderheim San Andres im Einsatz waren. Ich selber habe Guatemala auch mehrmals bereist, so dass ich mich als Kenner von Land, Menschen und Geschichte bezeichnen kann.

Was mit der Begleitung einer einzelnen Person durch Guatemala und Honduras begann, hat sich in den letzten Jahren zu einem Standbein von mir entwickelt. Dieselbe Person (Anna aus Dagmersellen) hat mich nämlich motiviert, Reisen zu organisieren. So kam es, dass ich für diverse reisefreudige Menschen Touren zusammenstellen konnte. Da ich kein „professioneller“ Tourenanbieter bin, kommen die interessierten Leute auf mich zu, kontaktieren mich, geben mir ihr Reiseland oder –region, sowie das Reisedatum an und die Organisation kann beginnen. So habe ich Einzelreisende, aber auch kleine Gruppen bis maximal 12 Personen durch Zentral- oder Südamerika begleitet. Die letzte Reise führte durch Chile. Mit zehn „Hinterländern“ war ich insgesamt fünf Wochen in Südamerika unterwegs.

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Chile, November 2016: Aufstieg zum Krater Natividad

Gluschtig gemacht?
Habe ich jetzt Ihr Interesse an einer Reise mit mir geweckt? Dann freue ich mich, wenn Sie sich Kontakt setzen mit mir und mir ihre Reisewünsche mitteilen. Gerne werde ich ein Programm zusammenstellen und Sie auf der ganzen Tour begleiten. Reiseerfahrungen habe ich gemacht bei Touren durch Mexiko, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Panama. In Südamerika habe ich Reisen organisiert, die durch Chile, Argentinien, Bolivien, Peru, Ecuador und Kolumbien geführt haben. Ein Vorteil für mich ist, dass ich die spanische Sprache beherrsche und die bereisten Länder und deren Leute und Kultur kenne. Bisher habe ich von allen mit mir gereisten Personen ein gutes Feedback bekommen. Zudem wird das Reisen in kleinen Gruppen sehr geschätzt.

Schreiben Sie mir ein Mail an ursm_2000@yahoo.de, wenn Sie Fragen oder Anregungen an mich haben.

Mit freundlichen Grüssen von den Gestaden des Atitlansees in Guatemala
Urs Marfurt

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Franz Kunz: Ein neues Leben in Südafrika

Teil 9

Es ist Ende März im 4-heaven, die Natur verfärbt sich goldig, die Trauben sind in den Fässern, der Herbst ist eingekehrt. Das Weinjahr 2016/17 verspricht ein guter Jahrgang zu werden. Die Tage sind angenehm warm, die Nächte werden kühler und länger. Es herrscht noch immer akute Wasserknappheit am Kap, überall hängen Plakate, welche die Leute auffordern, Wasser zu sparen. An der N2 weisen Leuchtschriften auf das grosse Problem hin und aktuell hat die 3,5 Millionen-Metropole Kapstadt noch für 89 Tage Trinkwasser. Aber niemand scheint sich wirklich um das kostbare Nass zu sorgen, der Wasserverbrauch ist kaum gesunken. Der Regen kommt garantiert im Winter (Juni bis August) – der Glaube stirbt zuletzt.

Im April waren wir immer noch komplett ausgebucht, viele Freunde waren unsere Gäste und wir waren gemeinsam viel unterwegs auf Mountainbike-Touren. So konnten wir endlich unsere Leidenschaft richtig ausleben, denn der Fitness-Stand nach einer langen Saison lässt bei mir noch zu wünschen übrig. Am 11. April feierte ich mit 40 Bekannten meinen runden, 60igsten Geburtstag im Longridge, einem tollen Weingut, ganz in unserer Nähe. Freunde organisierten eine Live-Band und einige Gratulanten überraschten mich am Geburtstag, soeben eingeflogen und unangemeldet, aus der Schweiz. Wieder einmal mehr wurde mir klar, Südafrika ist ja gar nicht so weit weg vom Heimatland.

Der Inhaber hat für uns „geschlossene Gesellschaft“ arrangiert, denn wir haben ihm viele unserer Gäste zum Nachtessen vermittelt und er hat festgestellt, dass die Schweizer sehr trinkfest sind. Drei Bedingungen gab es jedoch für diesen unvergesslichen Abend – die Musik darf nicht zu laut sein, um 24 Uhr verlassen alle ruhig das Longridge und bitte keine Schlägereien – ich habe zwar in Südafrika noch nie eine Schlägerei gesehen, manche Feste sollen jedoch bei den hitzköpfigen Buren so ausarten. Natürlich haben wir nach diesem legendären Abend im Longridge auch in Zukunft kein Hausverbot und sind willkommene Gäste.

Es ist Mitte Mai, die Tage werden merklich kürzer, die Nächte sind mit 10 Grad kühl. Es herrscht jedoch noch immer schönes und warmes Spätherbstwetter mit Tagestemperaturen um 25 Grad und kaum Wind am Kap. Wir haben wir unsere letzten Gäste verabschiedet und es wird ruhiger im 4-heaven. Es stehen noch kleinere Reparaturen und Verbesserungen im 4-heaven an, welche wir bis zu unseren langen Ferien in der Schweiz noch ausgeführt wollen, damit wir am 1. September wieder startklar sind.

Für uns geht eine lange Saison zu Ende. Seit 1. September 2016 waren wir täglich, sieben Tage die Woche dran. Die Saison war lang, intensiv, lehrreich aber auch sehr spannend. Die Zeit verging wie im Fluge. Wir haben viele neue Leute aus der Schweiz, Deutschland, Holland, Österreich, Frankreich, USA und Brasilien kennengelernt, ihnen Tipps für unsere wunderschöne Kapregion gegeben, sie mit Brigittas „Schwizer-Zmorge“ verwöhnt, ihnen Rundreisen geplant, Nachtessen, Ausflüge usw. gebucht und manchmal auch die Sörgali des Alltages angehört.

Apropos Zmorge: Wenn man täglich mit Gästen in Kontakt ist, verliert man wie in den Ferien ab und zu das Zeitgefühl. Damit ich immer wusste wann Sonntag ist, verwöhnte Brigitta unsere Gäste am Sonntags Brunch mit Rösti, Spiegeleier und selbstgemachtem Zopf. Unsere Mitarbeiter Rosé und Prosper aus Zimbabwe, Margreth aus Südafrika und Emily aus Malawy haben noch nie etwas von Rösti gehört und bekamen natürlich auch am Sonntag ihre Rösti. Kartoffeln sind ein günstiges Nahrungsmittel in Südafrika und deshalb machte Brigitta einen „Rösti-Kurs“. Seitdem gibt es bei vielen Angehörigen unserer Mitarbeiter wöchentlich auch mal Rösti in Südafrika.

Wenn auch zwischendurch mal Heimweh aufkam, entschädigten uns die viele bekannten Gesichter aus unserer Heimat, welche bei uns ein bis zwei Wochen zu Gast waren. Viele haben den Weg ins 4-heaven gewagt, waren das erste Mal in Südafrika und gingen begeistert nach Hause mit dem Ziel, wiederzukommen. Das 4-heaven und unsere liebenswerten Mitarbeiter Rosé, Prosper, Margreth, Emily sind uns sehr ans Herz gewachsen. Ja, uns macht der Job richtig Spass und wir sind angekommen im südlichen Afrika.

Für die Saison 2017/18 sind wir schon zu 70 Prozent ausgebucht und nächste Saison können wir unsere Leidenschaft, die Gäste auf den wunderschönen Mountainbike-Touren zu begleiten, noch mehr geniessen, denn es haben viele unser ein- oder zweiwöchiges Programm „Bike-Natur-Kultur-Gourmet“ gebucht.

Wir schreiben den 26. Mai: 3,5 Millionen Menschen am Kap haben aktuell noch für knapp einen Monat Wasser. Die Wasserdämme sind leer, das Kap der guten Hoffnung erlebt die grösste Dürre seit 1903 und immer noch ist kein Regen in Sicht. Der Wasserverbrauch ist jedoch kaum gesunken. Keiner spart, „chonnt scho guet“, keiner glaubt daran, dass anfangs Juli nichts mehr aus dem Wasserhahn tropft. „That’s Africa!“

Jetzt freuen wir uns auf unsere Zeit in der schönen, alten Heimat, bevor es am 1. September wieder los geht in den Süden Afrikas.

Liebe Grüsse aus dem 4-heaven in Südafrika

Brigitta und Franz

Weitere Blogs über mein neues Leben in Südafrika unter: https://osserland.wordpress.com und mehr Infos über uns auf unserer Homepage www.4-heaven.ch oder Facebook.

Vom 1. April, Ostern und der Trockenzeit

 

Die Hergiswilerin Judith Häfliger verbringt ab August 2015 ein dreijähriger Arbeitseinsatz in Nicaragua (der WB berichtete). Was beschäftigt sie aktuell in Zentralamerika? Sie schreibt es uns.

1. April 2017, Matagalpa, Nicaragua. In Nicaragua machen wir heute keine Aprilscherze. Dafür gibt es im Oktober einen „Tag der Unschuldigen“, der eine ähnliche Funktion zu haben scheint. Die Gutgläubigkeit der Menschen zu prüfen und allzu Gutgläubige etwas wach zu rütteln. So ist zwischen Zentralamerika und Europa vieles ähnlich und doch etwas anders. Schliesslich sind wir hier ja auch auf dem „neuen Kontinent“, der vom „alten“ eingenommen wurde…

Ostern hingegen wird hier intensiv gefeiert. Die „heilige Woche“ (Semana Santa) wie die Karwoche genannt wird, ist schul- und arbeitsfrei und das ganze Land macht in dieser Woche Ferien. Dies fällt umso mehr auf, weil in der restlichen Zeit des Jahres die Einheimischen keinen Urlaub haben und nicht zum reinen Vergnügen herumgondeln. Zur Semana Santa jedoch reisen die Nicaraguanerinnen und Nicaraguaner gerne ans Wasser, im Norden wird das ein Fluss sein, im Süden reist man an einen grossen See oder ans Meer. Mit der Verwandtschaft trifft man sich zum Picknick am Strand und zum Spielen im Wasser (wenige haben schwimmen gelernt).

Man scheint sich hier an der Nähe von anderen Menschen nicht zu stören und tummelt sich mit vielen anderen am gleichen Strandabschnitt. Viele Menschen baden in normalen Kleidern und schaffen sich für die einmalige Badereise nicht extra ein Badekleid an.

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In der Karwoche oder „Semana Santa“ reisen viele nicaraguanische Familien ans Wasser. Hier der Strand in San Jorge am Cocibolca-See am Ostersamstag 2016.

Die katholische Bevölkerung begeht Ostern mit vielen Prozessionen und Messen. Manche der Gläubigen absolvieren die Stationen des Kreuzwegs auf ihren Knien – bei brütender Hitze wohlgemerkt. Aber das ist eine Minderheit. In der ganzen Karwoche soll kein (Rind- und Schweine-)Fleisch gegessen werden. Die Katholiken machen in Nicargua die grösste Religionsgruppe aus mit rund 50 Prozent vor den Evangelikalen mit rund 40 Prozent. Das Zahlenverhältnis zwischen den beiden Gruppen hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. 1995 waren noch 75 Prozent der Bevölkerung katholisch. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die wachsende Gruppe der Evangelikalen in gesellschaftlichen Fragen in der Regel wesentlich konservativer eingestellt ist als die Katholiken.

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Die Gedichte des Nationaldichters Rubén Dario sind in jedem Warenhaus zu finden. Man ist in Nicaragua sehr stolz auf die Dichtkunst.

Das Poesie-Festival. Im Februar besuchte ich das Poesie-Festival von Granada und war hell begeistert. In Nicaragua ist man sehr stolz auf die Dichtkunst. Die Schulkinder lernen viele Gedichte rezitieren und auch selber Gedichte verfassen. Auch unter der Bevölkerung mit weniger Schulbildung fällt mir immer wieder auf wie gut sie spontan etwas vortragen und beispielsweise an einer Versammlung locker aus dem Stegreif eine Huldigung auf den Gastgeber in Reime fassen. Auch der Nationalheld Nicaraguas ist ein Dichter, Rubén Darío. Er wurde vor 150 Jahren geboren. Dieses Jahr wird er deshalb besonders viel zitiert und rezitiert. Er hat um 1900 die spanischsprachige Literatur modernisiert und hatte sowohl in Lateinamerika wie in Spanien einen grossen Einfluss. Verständlicherweise ist man in dem kleinen zentralamerikanischen Land sehr stolz auf diesen Beitrag zur Weltliteratur. Das Poesie-Festival findet jedes Jahr im Februar statt. Alle Veranstaltungen sind kostenlos und draussen und locken tatsächlich ein gemischtes Publikum an – studierte und nicht studierte Leute gleichermassen.

Trockenzeit. In Matagalpa ist inzwischen wieder Trockenzeit. Die Sonne brennt heiss und nach den windigen Monaten Januar und Februar ist der Boden sehr trocken und die Hügel in der Umgebung Matagalpas präsentieren sich braun statt grün. Wir warten auf die Regenzeit, die normalerweise im Mai einsetzt. Aufgrund der Klimaveränderungen ist dies allerdings in den letzten Jahren immer weniger verlässlich. Nicaragua ist stark von der weltweiten Klimaveränderung betroffen. Klimatische Extrem-Ereignisse werden immer häufiger. Einerseits gibt es mehr Dürren und andererseits heftigere Regenfälle. Für die Landwirtschaft werden die Produktionsbedingungen unberechenbarer und anspruchsvoller. Rote Bohnen und Mais, die beiden Hauptnahrungsmittel, werden im Frühling knapp. Wenn die dritte Bohnen-Ernte ausfällt droht die Nahrungsmittelversorgung sofort in einen Engpass zu geraten. Nun kaufen öfter staatliche Institutionen im Herbst Bohnen auf und verteilen sie dann bei Knappheit als “Geschenk der Regierung”.

Die Trockenheit bewirkt bei uns eine etwas andere Art von Frühling. Viele Bäume blühen gerade dann, wenn die Umgebung völlig ausgetrocknet ist. Sie blühen leuchtend rot, gelb, orange oder auch violett, haben aber fast keine grünen Blätter. In der staubig braunen Landschaft fallen die leuchtenden Blüten besonders schön auf. Die Bäume blühen hier also bevor es regnet, vielmehr künden sie den bevorstehenden Regen an. Die Pflanzen nutzen die Bestäubung durch den Wind und die Samen machen sich in der Erde bereit bis der Regen kommt. So ist eben manches ähnlich und doch so anders. Ich gehe immer noch staunend durch diese “neue Welt” und versuche sie immer besser zu verstehen.

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Eine andere Art Frühling in Nicaragua. Wenn die Umgebung im März trocken wird von Wind und Hitze, blühen die Bäume und Sträucher

Al Imfeld. Es hat mich die Nachricht erreicht, dass Al Imfeld gestorben ist. Ich möchte ihm zum Schluss einen kurzen Abschnitt widmen. Er hat mich inspiriert und bedeutete mir viel. In seinen Geschichten, die mit Leichtigkeit einen Bogen zwischen Afrika und dem Napfgebiet schaffen, fanden sowohl meine Heimatverbundenheit wie meine Neugier auf die Welt ein Echo. Er war mir ein schönes Vorbild darin, beides zu verbinden. Als ich ihn vor einigen Jahren einmal in Zürich besuchte und ein wenig ratsuchend mit ihm darüber redete was ich mit meinen Interessen wohl noch so anfangen könnte, meinte er unter vielem anderen: Du könntest vielleicht im Willisauer Boten schreiben. Wer hätte das gedacht? Ich behalte Al Imfeld dankbar in Erinnerung. Amüsiert erinnere ich mich an die Stelle in einem seiner Bücher, wo er erzählt, wie sein ihn Vater lehrte, stets nur die Hälfte zu glauben von dem was einem erzählt wird. Sei es am 1. April oder an jedem anderen Tag im Jahr…

INTERTEAM sucht für Einsätze in Nicaragua folgende Berufe: Landwirt/in, Fachperson Holzwirtschaft, Agronom/in, Agrarökonom/in, Natur-/Umweltwissenschafter/in und eine Fachperson in Wissensmanagement.
Mehr Informationen zum dreijährigen Einsatz von Judith Häfliger in Nicaragua gibt es unter: http://www.interteam.ch
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Die Landschaft in der Regenzeit bei La Dalia im Zentrum Nicaraguas.

Mehr als ein gemütlicher Kaffeeklatsch

Die Hergiswilerin Judith Häfliger (46) bricht im August 2015 in ihren dreijährigen Arbeitseinsatz in Nicaragua auf. Zur Halbzeit verbringt sie einige Wochen in ihrem Heimatort. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Sitzleder, Bananen und Kaffee. Viel Kaffee. Matagalpa, im Herzen Nicaraguas In einem einfach möblierten Zimmer treffen sich Mitarbeitende und Geschäftsleitung zur jährlichen Evaluation. «Eine Marathonsitzung», sagt Judith Häfliger. Acht Tage lang, je zehn Stunden. Kurze Pausen gibt es nur für eine Zwischenverpflegung. Aufgetischt wird immer dasselbe. Bananen und Kaffee. Judith Häfliger mag die schwarze Brühe nicht. Obwohl sie fast tagtäglich mit dem Kaffeeanbau zu tun hat. Das Gespräch dreht sich im Kreis. Trotzdem hören die Sitzungsteilnehmer einander zu. Mit Respekt und Geduld. Ziel der Zusammenkunft: Alle sollen denselben Wissensstand haben und mitreden dürfen. «Das Gemeinschaftsgefühl ist wichtig. Es fördert die Identifikation mit der Unternehmung.»
Die grosse Welt zuhause
Judith Häfliger wächst als Nachzüglerin auf dem «Storchen-Hof», Hergiswil, auf. Früh wird der Bauerntochter die weite Welt nach Hause gebracht. Sonntags fährt Judith mit der Familie quer durch den Kanton. Kein Wunder, begeistert sie sich in der Primarschule für Heimatkunde. Bald bereisen die älteren Geschwister die Welt. Sie bringen Kolleginnen und mit ihnen fremde Kulturen und Sprachen nach Hause. Etwa aus Indonesien oder Japan. «Und als mir mein Götti Seppi ein dickes Länderlexikon schenkte, war es definitiv um mich geschehen.»

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Praxis und Theorie
In der Schule mag sie nebst Naturwissenschaft und musischen Fächern vor allem die Sprachen. Sie lernt Englisch, Französisch, Latein, Italienisch und Spanisch. Nach der Matura im Jahr 1989 legt Judith Häfliger ein Zwischenjahr ein. Sie fährt nach Finnland. Hier befreit sie Inseln von Abfall. Darauf repariert sie in Irland alte Werkzeuge für ein Entwicklungsprojekt in Afrika. Sie bereist die USA. Auf ihren Touren durch die weite Welt sammelt die Hinterländerin Menschenkenntnisse, Erfahrungen und bleibende Eindrücke. Eindrücke aus der Praxis, welche Judith Häfliger theoretisch vertieft.
Sie studiert Geografie und Völkerkunde in Bern, Neuchâtel und Berlin. Ihre Semesterferien nutzt sie für weitere Freiwilligeneinsätze im Ausland. «Unabhängigkeit war mir immer wichtig.» Anschliessend arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie beobachtet, analysiert und evaluiert. Etwa beim Schweizerischen Roten Kreuz oder beim Bundesamt für Statistik. Diese Arbeit füllt sie aus. Dennoch reizt sie Neues.
In den Jahren 2006 und 2008 besucht sie ihr Gottenmeitschi in Bolivien. Deren Eltern sind dort in einem Entwicklungsprojekt tätig. Eine weitere Kollegin erzählt von ihrem Einsatz in Nicaragua «Alles Schlüsselerlebnisse. Motivationsspritzen für einen längeren Einsatz im Ausland.»
Aufbrechen und ankommen
«Interteam» ist eine Organisation der personellen Entwicklungszusammenarbeit. Judith Häfliger meldet sich dort zum Auswahlverfahren. «Geografisch war ich offen. Der Inhalt des Projekts musste sinnvoll sein.» Über «Interteam» erfährt sie von der Partnerorganisation Asociación para la Diversificación y el Desarrollo Agrícola Comunal, kurz ADDAC genannt. Diese Unternehmung in Nicaragua ist für die Ernährungssicherheit zuständig. Sie hilft Kleinbauern, ihre Produkte besser zu vermarkten. ADDAC sucht Ende 2014 eine externe Fachperson, welche das Personalmanagement-System überprüft und weiterentwickelt. Diese Stelle reizt Judith Häfliger, macht sie aber auch nachdenklich. Denn «Interteam» gibt eine Einsatzdauer von drei Jahren vor. «Das ist eine lange Zeit.» Ihre Eltern sind beide über 80 Jahre alt. Wer weiss, wie sich ihre Gesundheit in den nächsten Jahren entwickelt? Nach Diskussionen am Familientisch entschliesst sie sich, die Chance zu packen.
Judith Häfliger bricht im August 2015 nach Nicaragua auf. Ein gemächliches Ankommen ist es nicht. Anderes Klima, anderes Essen und ein omnipräsentes Getränk. Ihr Domizil ist die Kaffee-Hauptstadt. «Hier hat sogar die Bodylotion ein Kaffeearoma», bemerkt die Nicht-Kaffeetrinkerin. Lebendig ist es in Matagalpass. Und erst diese Lautsprecher-Autos. Anstelle von Zeitungen machen sie nonstop Werbung, preisen kulturelle Veranstaltungen an oder verkünden Todesanzeigen und Stellen­inserate.
Der Alltag
Glücklicherweise beherrscht Judith Häfliger bereits die Landessprache Spanisch. Sie unterstützt hauptsächlich den Personalchef der ADDAC. Diese Unternehmung will die landwirtschaftliche Produktion steigern. Im Einklang mit der Umwelt. «Mir sind die Meinungen und Wünsche der Einheimischen sehr wichtig», sagt die Hergiswilerin. Sie will nicht als «studierte Europäerin» wahrgenommen werden. «Sondern als Partnerin auf Augenhöhe.» So lernt sie geduldig zu sein, baut Vertrauen auf und beginnt Kaffeebohnen zu kauen. Sie berät, erarbeitet Stellenbeschriebe und führt Mitarbeitergespräche ein. Sie organisiert Informationsveranstaltungen für Kleinbauern. Und stösst dabei bei den Teilnehmern auf grosses Engagement. Sämtliches Büromobiliar wie Tafeln und Stühle wird nach jeder Tagung von einem Bauern nach Hause genommen. «In den Versammlungslokalen wären sie nicht sicher.» Ansonsten fühlt sich Judith Häfliger in ihrer neuen Heimat Matagalpa «sehr sicher». Sie beachtet die nötigen Vorsichtsmassnahmen. Sie benützt abends das Taxi. Geht ausserhalb des Zentrums nicht alleine spazieren. Die Bewegungsfreiheit fehlt ihr manchmal. So geht sie ab und zu aufs Laufband. «Hätte mir dies jemand vorausgesagt, hätte ich nur gelacht.»
Judith Häfliger steht für Veränderung. Dies hat sich auf die Belegschaft der ADDAC übertragen. Sie bringt selber Verbesserungsvorschläge ein. «Konstruktives Kritisieren und Konfliktmanagement sind momentan noch Fremdwörter», stellt Judith Häfliger fest. «Die Mitarbeitenden können zwar gut zuhören, kritisches Nachfragen braucht jedoch für viele noch Mut.» Da will Judith Häfliger ansetzen.
Die temporäre Rückkehr
Doch vorerst ist eine fünfwöchige Pause angesagt. Judith Häfliger geniesst einige Wintertage in Hergiswil. «Mit meiner Familie, meinen Freunden und sogar meinen Eltern skype ich regelmässig. Aber dies kann kein persönliches Gespräch ersetzen», begründet sie den Heimataufenthalt. So sitzt sie nun mit ihrer Mutter am Küchentisch. «Etwas Bedenken hatte ich schon, meine Judith in dieser unsicheren Region zu wissen. Aber sie sieht zufrieden aus. Das ist die Hauptsache. Ich vertraue ihr. Sie weiss schon, was gut für sie ist», sagt ihre Mutter und nimmt einen Schluck Kaffee. Judith Häfliger bleibt vorerst beim Wasser. Eine gewisse Beständigkeit braucht sie dann doch.
Weitere Infos: http://www.interteam.ch

Das Porträt von Andrea Stutz erschien am 31. Januar 2017 in der Printausgabe des Willisauer Boten.

Franz Kunz: Ein neues Leben in Südafrika

Teil 8

Frohe Weihnachten – das wünscht man sich auch in Südafrika täglich auf der Strasse. Für uns ein komisches Gefühl, stabiles Sommerwetter bei 25-30 Grad und man wünscht sich frohe Weihnachten. Daran werden wir uns wohl nie gewöhnen.

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Schon fast drei Monate ist unser „4-heaven“ fast immer ausgebucht und langsam aber sicher haben wir den Laden im Griff. Für Brigitta war die grösste Herausforderung der Einkauf für das Frühstück. Es gilt die Balance zu finden, dass immer genügend vorhanden ist und das Essen auch frisch ist. In den vergangenen Monaten hat sie sich intensiv damit auseinander gesetzt, wo sie was einkauft. So ist für sie der „Pick n’Pay“ bei Früchten, Säften und kleinere Sachen zuoberst auf der Liste, Käse kauft sie nur im „Wohlworth“ und das Fleisch kauft sie bei „Ricomondo“, einem Schweizer, der vor vielen Jahren nach Südafrika ausgewandert ist und sich hier einen Namen für gutes Fleisch gemacht hat. Die grösste Herausforderung war Brot. In Südafrika gibt es vielerorts nur Toast zum Frühstück, aber wir wollten feines Brot auf den Tisch bringen. Wir haben viel ausprobiert und unseren perfekten Bäcker gefunden.

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Unsere Gäste kommen aus Deutschland, Österreich, Holland, England und auch einige Südafrikaner. Viel sind Stammgäste unseres Vorgängers und stehen uns ein bisschen kritisch gegenüber. Aber nach dem ersten Zmorge ist jeweils der Bann immer gebrochen. Das Schönste aber ist, wir haben viele Freunde und Bekannte aus der Schweiz und es vergeht keine Woche, wo wir nicht Gäste haben, welche wir persönlich kennen. So kommt eigentlich fast nie Heimweh auf. Es ist auch wunderschön zu sehen, wie sich die Leute nach wenigen Tagen von der Freundlichkeit der Menschen, der Schönheit der Natur und der Tierwelt hier in Südarika anstecken lassen. Viele kommen aus der hektischen Arbeitswelt auf 180 bei uns an und im „4-heaven“ gilt das Gesetz der Entschleunigung.

Wir haben viel zu tun mit Planung von Ausflügen, Buchung von Rundreisen, reservieren von Abendessen und Tipps für die Tagesplanung. Wir sind gefordert, viele unserer Gäste bleiben 14 Tage bei uns und hier gilt es auch, einige Geheimtipps auf Lager zu haben. Wir kennen die Region jedoch bestens und stehen den Gästen mit Rat und Tag zur Verfügung. Am Meisten freut es uns, wenn die Gäste mit uns Mountainbike-Touren unternehmen wollen. Dann komme auch ich mal zu sportlichen Aktivitäten, denn diese kamen in den letzten Monaten leider zu kurz. Die Gäste sind begeistert von den wunderschönen Trails und der einmalig schönen Natur. Innerhalb einer Autostunde erreichen wir mehr als 30 verschiedenen Mountainbike Spots, fast alle auf privaten Farmen. Die Trails wurden von Spezialisten sanft in die Natur integriert und lassen jedes Bikerherzen höher schlagen.

In „Western Cape“ haben wir aktuell Wasserknappheit, denn in den Wintermonaten Juni bis August hat es, wie 2015, viel zu wenig geregnet. Die Schuld geben die Südafrikaner dem „El Nino Effekt“, einem Wetterphänomen das alle 10 bis 12 Jahre die südliche Hälfte der Erde betrifft. Die Pflanzen dürfen nur noch mit Giesskannen getränkt werden und wenn der Wasserverbrauch unseres Gästehauses höher ist als im Vergleichsmonat des letzten Jahres gibt es eine Busse.

In Südafrika hat es seit über hundert Jahren nicht mehr so wenig geregnet, wie in den letzten zwei Jahren. Vor allem im Inneren des Landes leidet die Bevölkerung und die Natur. Es gilt mit dem kostbaren Gut Wasser sparsam umzugehen. Hier wird uns wieder einmal bewusst, wie wertvoll Wasser ist und wir machen unsere Gäste aufmerksam, mit dem Wasser sparsam umzugehen. Wir setzen natürlich alles daran, den Wasserverbrauch so gering wie möglich zu halten.

In der Zwischenzeit haben wir die Bewilligung „permanent resident“ und unsere ID-Books erhalten. Mit dem „ID Book“ können wir uneingeschränkt in Südafrika bleiben und arbeiten. In Sachen Bürokratie ist die südafrikanische ID Nummer der Schlüssel zum Erfolg und erspart Dir lange Wartezeiten bei vielen behördlichen Angelegenheiten.

Und damit wir es auf keinen Fall vergessen: Draussen ist es 29 Grad warm.

Wir wünschen Euch allen ganz schöne Festtage zuhause und hoffen für die Wintersport Fans, dass der Schnee endlich richtig eintrifft. Geniesst die ruhigen und besinnlichen Tage, lasst es an Silvester krachen und fürs 2017 wünschen wir alles Gute, Gesundheit, Zufriedenheit und viele spannende Begegnungen.

Liebe Grüsse aus dem 4-heaven in Südafrika
Brigitta und Franz

Frühere Blogs über mein neues Leben in Südafrika unter: https://osserland.wordpress.com

Andere Länder, andere Sitten

Für viele Leute ist Neuseeland eine Destinatin zu weit weg. Für die Dagmerseller Gudrun Arn und Werner Lieger ist es der ideale Platz. Warum? Sie verraten es hier. 

Vor unserer Pensionierung suchten wir in Europa nach einem Ort, wo wir dem schweizerischen Winter ausweichen konnten. Südspanien, Südfrankreich und Süditalien – überall ist es auch im Winter kalt und man muss heizen. Bei einem Besuch in Neuseeland in 2002 fanden wir unsere Traumdestination. Doch zuerst mussten wir bis zu unserer Pensionierung arbeiten. Dann war es so weit. Im Februar 2009 fanden wir auf der Nordinsel Neuseelands unseren Traumort. Hier sind wir auf fast demselben Breitengrad wie Sydney: 35 Degrees. Im November 2009 waren wir dann bereit für unsere Traumdestination. Dort wollten wir den Winter verbringen. November hier auf der südlichen Halbkugel ist genau der Gegensatz zur nördlichen Halbkugel. Spätfrühling, Sommeranfang.

Die Temperaturen sind so um die 20 Grad und jede Woche wird es wärmer. Es gibt auch schon Tage, die 25 Grad bringen. Für uns ist das ideal. Jetzt beginnt auch die Touristenzeit. Neuseeland erlebt einen Boom an ausländischen Besuchern: Europäer, Asiaten, Inder etc. Viele kommen von Auckland per Reisebus hierher, verbringen einen Tag oder auch mehrere, besuchen die interessanten Orte hier im Norden. Andere buchen längere Aufenthalte.

November ist auch die Zeit, wo in Neuseeland die Weihnachtsvorbereitungen laufen. In der letzten Novemberwoche war die „Christmas Parade“ in Auckland. Eine grosse Sache. Letzten Freitag war sie bei uns. Da wir hier nur kleine Gemeinden haben, ist es doch erstaunlich, dass Paihia in der Bay of Islands einen Umzug zusammenstellen konnte, der gut eine halbe Stunde dauerte.

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Bevor wir im November hier eintrafen, waren bereits alle Schulklassen, Vereine und Clubs dabei, dem Thema entsprechend zu planen und zu bauen. Werner und ich machen bei „Rotary“ mit. Auf einem „Ute“ (ein kleinerer Lieferwagen, vorne Kabine, hinten Ladefläche) wurde ein grosser Oktopus aufgesetzt. Das Dach der Kabine verzierte eine offene Venusmuschel, in der Sue als Meerjungfrau sass. Einige Rotarianer liefen verkleidet um das Gefährt herum mit und verteilten Bonbons.

Das Publikum stand beidseits der Strasse und man begrüsste die Wagen mit Applaus und Gelächter. Auf einem Wagen waren fünf junge Maori, die einen Hakka demonstrierten. Dies ist der Kriegstanz der Maori und galt damals dazu, die Engländer/Franzosen zu beeindrucken bzw. ihnen auch Angst zu machen. Man könnte meinen, in Rio de Janeiro zu sein: Es ist warm draussen, die Leute sind sommerlich gekleidet und einzig die Kostümierten sowie der Weihnachtsmann schwitzen. Der Umzug ist ein wenig wie bei uns der Fastnachtsumzug, nur eben in der Wärme.

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Nach dem Umzug treffen sich die Teilnehmenden in einer Bar oder in einem Restaurant und feiern. Die Preisvergabe erfolgt ein bis zwei Tage später. Danach dauert es nicht mehr lange und die Schulferien für Weihnachten beginnen.

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Auch hier haben die Clubs und Vereine ihre „X-mas-Parties“ und wir haben bereits viermal „bring a plate“ gehabt. Das ist auch so eine Eigenart hier. Da wird ein Datum bestimmt und alle Mitglieder sind dazu eingeladen, etwas zu essen, meistens „Fingerfood“ mitzubringen. Das ist für uns neu und die interessantesten Sachen kommen da zusammen. Das erste Mal, als wir im Tennisclub zu „bring a plate“ eingeladen wurden, dachten wir, dass der Verein arm sei. Ich fragte noch, ob sie eine Porzellan-, Glas- oder Silberplatte haben wollten. Man schaute mich total entgeistert an und meinte nur lakonisch „etwas zu essen drauf“. Wir sind und waren nicht die Einzigen, die diese Eigenart erlebt haben. So ist das halt: andere Länder, andere Sitten. Und das macht es auch interessant und spannend.

In dem Sinn wünschen wir allen Daheimgebliebenen ebenfalls ein wunderschönes Weihnachstsfest.

Eine andere Welt am Ende der Welt

Pfaffnau/Südafrika Meret Hartmann reiste als Volontärin für fünf Wochen in den Busch Südafrikas. Sie berichtet von ihrer Arbeit als Lehrerin, Tierpflegerin, Streitschlichterin und Spielkameradin für einen Affen bei Daktari Bush School & Wildlife Orphanage.

von Meret Hartmann

Es ist ein unbeschreibliche Gefühl von nervöser Spannung, das ich bekomme, wenn ich in ein Flugzeug einsteige um in ein neues Reiseabenteuer zu starten. Diesen Sommer zog mich mein Fernweh nach Südafrika, in ein Land mit zwei Gesichtern. Diese sind nirgends besser zu erkennen, als auf dem Weg von Johannesburg nach Hoedspruit. Von der pulsierenden Stadt mit sechsspurigen Autobahnen gehts über die holprige Provinzstrasse an den Rand des berühmten Kruger Nationalparks.

Wortwörtlich im Busch gestanden

Ein  kleiner Shuttle Bus brachte mich aus dem niemals schlafenden Johannesburg, wo sich weder Frau noch Mann alleine auf die Strasse trauen, in eine Welt, die den Tieren gehört und  die Menschen zumeist am kürzeren Hebel sind. Im Niemandsland und umgeben von ausgetrockneten Bäumen liegt die Daktari Bush School & Wildlife Orphanage. Mein Reiseziel. Warum auch nicht? Mir fällt kein Grund ein, meiner Grossmutter tausende…

Ein Projekt, das «Aufwecken» soll

Daktari ist eine non-Profit Organisation. Das Gründerehepaar Michele und Ian Merrifield haben sich vor über zehn Jahren einer Mission verschrieben: Ein kleines Fleckchen am Ende der Welt, in einem Land, das sich seit vielen Jahren im aussichtslosen Wirbel von Korruption, extremem sozialen Gefälle und Zukunftslosigkeit befindet, zu einem besseren Ort zu machen. «Das grösste Problem in diesem Land ist Apathie. Die Menschen leben einfach nur so vor sich hin», sagt Ian Merrifield immer wieder. «Unser Ziel ist es, die Kinder aufzuwecken. Sie sollen hier Motivation lernen.» So leisten die beiden seit einem Jahrzehnt Aufklärungsarbeit für Kinder aus den umliegenden Dörfern. Diese  kommen aus ärmsten Verhältnissen. Sie wohnen in kahlen Siedlungen, die sich über Jahre an den Strassen gebildet haben.

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Volontaire mit afrikanischen Schülern. Vorne links: die Pfaffnauerin Meret Hartmann

Kulturschock erster Klasse

Jede Woche dürfen acht Kinder aus einer von drei lokalen Schulen von Montag bis Freitag nach Daktari kommen. Sie sind sich an Klassen von über 60 Schülern gewöhnt. Als ich eine der Schulen besuchte, aus der meine allererste Gruppe kam, erlebte ich einen wahren Schock. Die achte Klasse, eingepfercht in drei riesige Schulzimmer, sollte gerade in einer Unterrichtsstunde sitzen. Was ich sah: Lehrer, die  auf dem Hof Orangen assen, während die Kinder im Schulzimmer warteten, tanzten oder Musik hörten. Die Frage, die mich seit diesem Tag immer wieder beschäftigt hat: Wie kann ein Land jemals aus seiner Misere aufwachen, wenn sich niemand um die Zukunft seiner Kinder schert?

In Daktari erleben die Kinder nicht selten zum ersten Mal, dass sich jemand für sie interessiert und ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Sie lernen ihr Land einmal von einer völlig anderen Seite kennen und dürfen das Buschleben hautnah erfahren. Was nach einem spassigen Sommercamp klingt, ist für die Volontäre wie auch die Kinder harte, aber überaus spannende Arbeit.

Eine tierische Lektion

Der Tag beginnt um sieben Uhr mit einem Spaziergang mit Terrier Mirabelle und Rottweilermädchen Nikita. Dann helfen die Kinder den Volontären alle Käfige der Tiere auszumisten, bereiten Essen für sie zu. Was für uns nach einer Banalität klingt, ist für diese Kinder wie eine völlig neue Welt. Ohne dieses Vorwissen bin ich in meiner ersten Woche mit einem der Kinder den Hasenstall am Putzen, als das Kind mir erzählt, es habe noch nie einen Hasen gestreichelt. Begeistert, ihm etwas Neues zeigen zu können, nahm ich einen der kleinen Hoppler auf den Arm und reichte ihn dem Jungen. Als das kleine Häschen anfing zu zappeln, bekam der Junge prompt einen Kreischanfall und liess das Fellknäuel fallen. Meine Lektion dieses Morgens: es ist nicht einfach klar, vor welchen Tieren man Angst zu haben braucht.

Lernen,
zur Umwelt Sorge zu tragen

Die Kinder lernen in Daktari jedoch nicht nur, sich um die Tiere zu kümmern. Die Volontäre bringen ihnen Höflichkeitsregeln bei, zeigen ihnen, wie sie im Busch Tiere an ihren Spuren erkennen können und wie sie mit der Naur richtig umgehen.  Ein schwerwiegendes Problem in Südafrika ist die extreme Umweltverschmutzung durch Abfall. In den Dörfern gibt es keine Sammelstellen. Die Bewohner verbrennen ihren Müll im Garten. Im Unterricht lernen die Kinder, wie gefährlich herumliegender Müll für Tiere ist, und wie giftig verbrennender Plastik für die Menschen sein kann. Als besonderes Highlight gehen die Volontäre mit den Kindern in das benachbarte Big Five Game Reserve Makalali. Dort dürfen die Kinder mit den Angestellten sprechen und sich über Jobmöglichkeiten in einer Game Lodge informieren. Oft sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben Giraffen, Elefanten und Zebras. «Die Kinder haben in den meisten Fällen keine Ahnung, was ihr eigenes Land alles zu bieten hat», sagt Ian Merrifield.

Perspektiven geben

Während meiner zweiten Woche betreute ich in einer Gruppe einen Jungen, der panische Angst vor Hunden hatte. Als Psychologin sah ich natürlich meine Chance, dies zu ändern. Was für ein Mut sich der Junge über die Woche antrainiert hat, ist einfach nur zu bewundern. Bis am Donnerstag spielte er mit Rotweilerhündin Nikita Fussball. «Ich habe hier gelernt, dass ich auch als einzelne Person etwas verändern kann», schwärmt auch meine Zimmernachbarin Brittney Foard von ihrer Zeit bei Daktari. Doch bewirkt der Aufenthalt in Daktari bei den Kindern auch eine nachhaltige Veränderung? Willington «Will» Mafogo war als 13-jähriger nach Daktari gekommen. Heute, fast zehn Jahre später, ist er als Animal-Manager im Camp tätig. Auch Patience Moripa war vor zwei Jahren noch als Gast im Busch. Heute ist die 21-jährige als Volontärkoordinatorin mitten im Geschehen, und muss nicht selten die Sprachbarriere zwischen den internationalen Volontären und den Sepedi sprechenden Kindern überbrücken.

Die multikulturelle Atmosphäre bei Daktari macht den Aufenthalt so unglaublich spannend. Man lebt rund um die Uhr miteinander, die Leute haben die verschiedensten Geschichten und Kulturen und trotzdem könnte es kaum familiärer zu und hergehen. Hinzu kommt: Das Gefühl beim Anblick von Zebras, Giraffen oder einer ganzen Herde Antilopen, ist einfach unbeschreiblich. Wie viel ich von den Menschen, die dort leben und täglich mit dem Ziel zur Arbeit gehen, ihr Land zu einem besseren Ort zu machen lernen durfte, kann ich auch kaum in Worte fassen. Und wer kann schon von sich behaupten, mit einem Weissbüschelaffen gekuschelt und nachts alle drei Stunden Eichhörnchenbabys gefüttert zu haben. Ich habe schon einige tausend Kilometer entfernte Plätzchen bereist und auch wieder verlassen müssen, aber kein Abschied fiel mir jemals so schwierig, wie von dieser völlig anderen Welt zurück in meine eigene.